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Aromatherapie fürs 21. Jahrhundert: Robert Tisserand über die Kraft ätherischer Öle

Aromatherapie. Ein beladener Begriff, dessen exakte Definition einen in die Welten von Spirituellen und Wissenschaftlern zieht. In seinem Kern sind die ätherischen Öle, aber was bedeutet Aromatherapie im 21. Jahrhundert?

Wenn du im Internet oder im Buchhandel nach Aromatherapie suchst, stößt du unweigerlich auf Magazine voll bunter Blumen und Phiolen mit unbekanntem Inhalt. Schnell bist du entmutigt, wenn du dich dem Lesen widmest. Es ist verwirrend. Ist Aromatherapie Wissenschaft oder Kunst? Was bedeutet aufheiternd? Warum taucht das Wort ständig auf? Was ist Fakt, was ist Einbildung?

Ein wenig Recherche verrät, dass René-Maurice Gattefossé den Begriff prägte, als er im frühen 20. Jahrhundert eine Verbrennung mit Lavendelöl behandelte. Das ist lange her, die Welt der Aromatherapie hat sich seitdem entwickelt.

Robert Tisserand, Experte und Gründer des Tisserand-Instituts, erklärt: “Mir ist es wichtig klarzustellen, dass das Wort Aromatherapie inzwischen den Gebrauch von ätherischen Ölen zur Hautpflege, für Wohlbefinden, im Haushalt, bei der Körperhygiene und in der Medizin umfasst. Quasi ein holistischer Ansatz. Es gibt vier oder fünf unterschiedliche Gebiete unter dem Mantel der Aromatherapie.”

Damit hat er recht, wie eine kurze Googlesuche bestätigt. Aber ist an all den wunderbar klingenden Wirkungsweisen tatsächlich etwas dran?

Robert ist der Ansicht, dass man die unterschiedlichen Ansätze der Aromatherapie berücksichtigen und klar voneinander trennen sollte: “Teilen wir die Aromatherapie in diese Gebiete, ist es einfacher festzustellen, welche davon eine Wirkung haben.”

Anders ausgedrückt hat Aromatherapie unterschiedlichste Bedeutungen. Manche nutzen sie als alternative Medizin, andere für kosmetische Zwecke oder aus spirituellen Gründen – viele verwenden sie für alles zusammen. Bei so vielen vermeintlichen Wirkungen ist es unmöglich, alle zu verifizieren. Da Aromatherapie in der Regel auf Massage, Geruch und Musik zurückgreift, sind signifikante Aussagen hinsichtlich der Effekte unmöglich.

Robert musste es mit eigenen Augen sehen, um es zu glauben: “Mich haben zwei Dinge überzeugt: die persönliche Anwendung bei mir und meinen Patienten sowie das Lesen von Forschungsergebnissen. Die orale Einnahme von Zimtrindenöl hilft gegen Grippe, Teebaumöl beim Kampf gegen Pilzerkrankungen.”

Robert untersuchte frühere Anwendungsgebiete ätherischer Öle, Kräuter und Gewürze unter einem modernen, wissenschaftlichen Blickwinkel.

Er sagt: “Es fasziniert mich, traditionelle Methoden wissenschaftlich zu beweisen. Wir wissen nun von den virenbekämpfenden Eigenschaften von Zimtrindenöl oder den antifungalen Effekten von Teebaumöl.”

Der Fortschritt der Technologie macht es möglich, die Chemie dahinter zu untersuchen. Biochemiker und Mediziner gleichermaßen entdecken, dass die von Pflanzen verwendeten Chemikalien aus den gleichen Komponenten bestehen, wie unsere Mittel gegen Bakterien und Pilze.

Robert dazu: “Einer der Gründe, weswegen Pflanzen ätherische Öle erzeugen, ist um Insekten anzulocken. Aber sie dienen auch als Waffe. Wir lernen, sie effektiv zu nutzen, um unsere Gesundheit zu verbessern."

“Die letzten 20-30 Jahre waren aufgrund von Forschungen revolutionär. Die Wissenschaft beweist die unterschiedlichen Effekte. Menthol fühlt sich etwa kühlend auf der Haut an, weil es Rezeptoren namens TRPM8 stimuliert.”

Taucht man tiefer in die Wissenschaft, erkennt man leicht, dass die natürlich vorkommenden Chemikalien zahlreiche Effekte auf Mensch und Umwelt haben. Sucht man auf PubMed, einer wissenschaftlichen Suchmaschine, nach ‘essential oil’, zeigt sie 19.000 Ergebnisse auf, jedes davon eine eigene Forschung. Eine riesige Menge. Selbst wenn 50% dieser Forschung keine Ergebnisse nachweisen könnten, bedeutete das noch immer, dass 9.500 Beweise zumindest für ein Teil der Zusammensetzung oder Wirkung ätherischer Öle vorlägen.

Robert fährt fort: “Die medizinische Wirkung eines Öls hängt absolut von seiner Chemie ab, diese ist sehr komplex. Wir können einen Hauptstoff betrachten, etwa Menthol in Pfefferminze, und diesen erforschen. So lernen wir, wie und warum Pfefferminzöl so wirkt, wie es wirkt.”

Laut Robert besteht jedes ätherische Öl aus mindestens 100 Komponenten, die alle eine Rolle in der Biologie einer Pflanze spielen. Diese haben Effekte auf den Menschen, so bekämpfen sie etwa Bakterien oder wirken entzündungshemmend.

Doch für Robert ist ein ätherisches Öl mehr als die Summe seiner Teile. Jede Komponente hat ihren Effekt, aber in Kombination haben sie oft noch größere Effekte.

“Wir sehen viele Beweise für Synergien, also dass ein ätherisches Öl effektiver ist, als die Untersuchung der Bestandteile vermuten lässt. Weitere Synergien entstehen bei der Kombination ätherischer Öle. Einige von ihnen werden als Arzneimittel gelistet, etwa Silexan Kapseln aus Lavendel (wirksam gegen starke Unruhe) oder Produkte aus Sandelholzöl gegen Akne.”

Robert kennt sich mit der Wissenschaft in seinem Gebiet aus und verfasste das Buch Essential Oils Safety, welches jeder besitzen sollte, der mit ätherischen Ölen arbeitet. Denn bei falscher Anwendung können sie gefährlich werden.

“Ätherische Öle sollten immer gewissenhaft eingesetzt werden. Es gibt Fälle, in denen Menschen über Jahre verschiedene ätherische Öle einnahmen oder auf ihre Haut auftrugen. Daraufhin bildeten sich bei manchen Allergien.”

Bei richtiger Anwendung ist das Risiko laut Robert aber minimal.

“Alles kann giftig sein. Auch Kaffee ist in zu großen Mengen schädlich und wirkt wie Gift. Wenn du dich mit Toxikologie auskennst, ist das gängiges Wissen. Wenn nicht, kann es dich erschrecken. Wir wissen, ab welcher Menge ein Öl gefährlich wird und wann es sicher ist. Alle großen Firmen kennen die Sicherheitsrichtlinien. Die Kosmetika, die du verwendest, sind absolut sicher.”

Hohe Konzentrationen ätherischer Öle können Verbrennungen, allergische Reaktionen und schwere Krankheiten hervorrufen, also regulieren Institutionen wie die IFRA und das Scientifi c Committee on Consumer Safety (SCCS) ihre Anwendung. Auch wenn es ernst klingt, ist es so, dass alles in zu hohen Dosierungen gefährlich wird. Der Spruch ‘zuviel des Guten’ ist demnach wahr.

Also, was ist Aromatherapie im 21. Jahrhundert? Bei tiefgehender Forschung rund um ätherische Öle, ihre Wirkung und Rolle im Ökosystem scheint es, dass sie sowohl Wissenschaft als auch Kunst sind. Robert geht sogar so weit, dass ätherische Öle moderne Probleme lösen könnten.

“Es wird so viel geleistet, der Fokus liegt etwa auf ätherischen Ölen als Pestizide, für Nahrungsverpackung und als Alternative zu Antibiotika.”

Auf all diesen Gebieten sind ätherische Öle wünschenswerte Alternativen, die sicherer, günstiger und effektiver sein könnten.

“Eine unserer größten Herausforderungen ist die Resistenz von Bakterien gegenüber Antibiotika. Forschungen ergeben, dass es Bakterien sehr schwer fällt, resistent gegen ätherische Öle zu werden. Ätherische Öle können sogar eine Resistenz gegen Antibiotika rückgängig machen, das grenzt fast an ein Wunder.”

Die Zukunft ätherischer Öle liegt also in der Forschung, während sie natürlich weiterhin duften und uns gute Laune bereiten.

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