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Die digitale Gender-Mauer muss eingerissen werden

Unser Leben verlagert sich zusehends ins Internet. Leider nehmen wir die reale Ungleichheit in Bezug auf Gender dorthin mit. Es ist Zeit, dagegen zu kämpfen.

Einige Organisationen haben begonnen, etwas für die Gleichberechtigung aller Gender im Internet zu unternehmen. Feminism in India oder Internet Sans Frontières sind zwei dieser Gruppen, die gezielt in einzelnen Ländern für Gerechtigkeit und Gleichberechtigung im Internet arbeiten. Denn das Internet ist ein Raum, den man von überall betreten kann, und die Fortschritte, die beide Gruppen erreichen, können die gesamte digitale Welt verbessern. Mit ihr vielleicht sogar die reale Welt.

Die Verteilung auf Wikipedia verändern

Enzyklopädien oder Encarta ´95 sind für viele von uns nichts weiter als Zeugnisse der Vergangenheit, denn wir nutzen das Internet, wenn wir nach Antworten suchen. Erste Adresse ist häufig Wikipedia. Forschungen zeigen, dass die freie Internetenzyklopädie ein Problem mit der Balance zwischen den Gendern hat.

Diese fehlende Balance ist nichts Neues. Seit es Lexika gibt, waren es vornehmlich Männer, die den Stift geschwungen haben, während Frauen außen vor blieben. Die große Enzyklopädie der Aufklärung wurde komplett von Männern erarbeitet, die Enzyclopedia Britannica wurde von einem männlichen Verleger, einem männlichen Gelehrten und einem männlichen Grafiker produziert. Der Originaleintrag zu „Frau“ in dieser Enzyklopädie war – gelinde gesagt – von bescheidener Qualität und bestand aus nur drei Wörtern: „Female of man“, also „Weibliche Form von Mann“.

Laut einer Untersuchung der Wikimedia Foundation sind nur 10% der Menschen, die auf Wikipedia Artikel verfassen, weiblich. Diese ungleiche Verteilung kann zu falschen Rollenbildern, Klischees und Vorurteilen führen. Es gibt sogar einen Eintrag darüber auf Wikipedia, leider nicht auf Deutsch.

Das digitale Portal der Organisation Feminism in India zeichnet in Indien ein noch schlechteres Bild, denn hier stellen weibliche Autorinnen nur 3% der gesamten Wikipedia-Schreibenden dar. Das ist die niedrigste Zahl aller Länder. Zu diesem Ergebnis gelangt die Untersuchung ebenfalls.

Japleen Pasricha, Gründerin der Organisation, sagt, dass sich dies in den Themen, über die geschrieben wird, widerspiegelt. So haben männliche Sportler weitaus mehr und längere Wikipediaartikel als weibliche Sportlerinnen. Themen rund um Frauen, Frauenrechte und an den Rand gedrängte Gender werden nicht nur besonders selten aufgegriffen, sondern häufig auch in unzureichender Qualität. Die Gruppe kommt zu dem Schluss, dass Themen rund um Männer weitaus detailreicher behandelt werden.

Um etwas für die Balance zu unternehmen, hält die Organisation sogenannte Wiki-Schreibmarathons ab, in denen am Verfassen von Artikeln interessierte Frauen an neuen Einträgen für die Wikipedia arbeiten. Ihnen wird eine Liste mit möglichen Themen überreicht. So lag etwa passend zu den zahlreichen Pride Veranstaltungen der Fokus im gleichen Monat auf indischen Queer Pride Märschen.

Japleen sagt: „Das alles ist Teil unserer Agenda. Wir streben nach besserer Repräsentation von indischen Frauen, indischem Feminismus und auch feministischem Aktivismus im Internet. Wir wollen mehr Inhalte zu all diesen Themen erschaffen.“

Wikipedia edit-athon

Die meisten Teilnehmerinnen sind Anfängerinnen. Die Workshops bieten ihnen die Gelegenheit, ihre Fähigkeiten im Verfassen, Forschen und Bearbeiten von Inhalten zu verbessern. Das gibt ihnen die Möglichkeit, auch nach dem Ende der Workshops weitere Artikel auf Wikipedia zu erstellen.

Doch Wikipedia ist erst der Anfang in Fragen der Gender-Gerechtigkeit: „Im Großen und Ganzen geht es uns um Repräsentation, denn Frauen sind massiv unterrepräsentiert. Den Gender Gap gibt es nicht nur auf Wikipedia, es ist ein allumfassend digitaler Gender Gap.“

Männer dürfen auch an den Workshops teilnehmen, aber nur, wenn sie als Begleiter von Frauen angemeldet sind.

Wikipedia selbst ist auch bereit, das Problem zu bekämpfen und hat eine Gender Gap Task Force gebildet. Diese kümmert sich nicht nur um eine stärkere Repräsentation weiblicher Autorinnen, sondern auch darum, dass die Tonalität angepasst und sexistische Stereotype in den Artikeln über Frauen vermieden werden. Aufgrund der geringen Anzahl weiblicher Autorinnen sind die Verfasser von Artikeln über Frauen nämlich meist Männer.

Der US-Amerikanische Zweig der Wikimedia Foundation – eine Nonprofit-Organisation, die Wikipedia unterstützt – hat bereits einige Schritte unternommen, um diese Lücken im Autor_innen-Pool zu schließen. Letztes Jahr investierte die Organisation etwa 300.000 US-Dollar in öffentliche Projekte, die gezielt für die Verbesserung von Gender-Diversität arbeiteten.

Es heißt: „Um das Wissen unserer Welt so aufzustellen, dass es die Diversität der Menschen reflektiert, inklusive ihrer persönlichen Gender-Identitäten, ist es wichtig, möglichst viele verschiedene Stimmen zu erhören und sie in unsere Wikimedia-Projekte einzubeziehen.“

Unterstützt wurden etwa Projekte wie die Art+Feminism Kampagne und das Wikiprojekt Frauen in Rot. So wurde der Anteil weiblicher Autorinnen erhöht. Dennoch sieht auch Wikimedia ein, dass noch einiges zu tun ist.

Belästigungen einzudämmen ist ebenfalls ein wichtiger Teil des Projekts, für den es inzwischen ein eigenes Team gibt. Eines der Hauptziele von Wikimedia ist es, Belästigungen im Internet sichtbar zu machen und so aktiv zu bekämpfen.

Die Leiterin von Feminism in India ist der Überzeugung, dass Gender-basierte Belästigungen und Diffamierungen wichtige Gründe dafür sind, dass es so wenige weibliche Autorinnen bei Wikipedia gibt: „Es gab viele Fälle, in denen Wikipedia-Einträge in vandalisierender Form verändert oder gleich ganz gelöscht wurden. Es gibt viel Sexismus und Hass auf den unterschiedlichen Plattformen, was sich auch auf weibliche Wikipedia-Autorinnen niederschlägt. Die Frage für jede Einzelne ist, wie lange sie sich dieses Verhalten gefallen lässt.“

Der Kampf gegen Online-Gewalt

Feminism in India hat darüber hinaus einen Report zum Thema Cybermobbing herausgebracht, in dem eine Analyse von Gewalt in sozialen Medien erfolgt, die sich gegen Frauen und Minderheiten in Indien richtet.

Der Report deckt auf, wie ernst die Folgen von Online-Gewalt und Belästigungen in Indien sind. Über die Hälfte der Befragten in der zugehörigen Umfrage sagt aus, dass sie mit diesen Problemen Erfahrungen gemacht hat. 36% dieser Gruppe haben dagegen anschließend nichts unternommen.

Dieses Problem gibt es nicht nur in Indien, sondern auf der ganzen Welt. Eine Umfrage in Australien fand 2016 heraus, dass mehr als die Hälfte aller Befragten Opfer von Online-Misshandlungen wurden. Bei Frauen unter 30 waren es sogar 76%, die Belästigungen und anderer Gewalt ausgesetzt waren, bis hin zu Morddrohungen.

Im Jahr 2016 positionierte sich Maneka Gandhi, die indische Ministerin für Frauen und Kinder, öffentlich gegen die Online-Misshandlung von Frauen. Sie sagte, dass die Dinge, die online passieren, gleich behandelt werden sollten wie ähnliche Verbrechen im realen Leben. Um ihren Worten Taten folgen zu lassen, gründete sie das Portal zur Prävention von Cyberverbrechen gegen Frauen und Kinder. Hier kann man auf offizieller Ebene Beschwerde gegen Online-Belästigungen einreichen.

Im Report von Feminism in India wird deutlich, dass auch Frauen in hohen politischen, gesellschaftlichen oder unternehmerischen Positionen sehr oft online attackiert werden. Die Journalistin Sagarika Ghose ist nur eine von vielen, denen online Vergewaltigung angedroht wurde. Einige der Belästiger veröffentlichten sogar den Namen ihrer Tochter und weitere private Details, etwa, welche Schule diese besucht. Dadurch bekam Sagarika Ghose so große Angst, dass sie ihre Tochter nicht mehr länger alleine öffentliche Verkehrsmittel nutzen lassen wollte. Die Online-Bedrohung wurde im Handumdrehen zu einer Bedrohung im realen Leben der beiden. Wie viele andere Teilnehmerinnen der zugehörigen Umfrage zum Report entschied auch sie sich, in Zukunft darauf zu verzichten, ihre Meinung online zu äußern. Es gibt viele weitere dieser Beispiele, denn ständig bekommen Frauen online Androhungen von Vergewaltigung, Säureattacken und Gewalt.

Japleen Pasricha ist die leitende Forscherin hinter dem Report. Sie sagt Belästigungen, Misshandlungen und Trollen von Frauen im Internet seien so weit verbreitet wie im realen Leben. Das Internet sei für sie ein Spiegelbild unserer Gesellschaft.

Für sie ist das Internet ein Teil des öffentlichen Raumes, genau wie Straßen und andere reale Orte. Daher sei es wichtig für Frauen sowohl online als auch offline die Initiative zu ergreifen: „Wenn du als Frau online sichtbar bist, fühlen sich andere Frauen sicherer und ermutigt, ebenfalls dort zu sein. Gleiches gilt für die reale Öffentlichkeit, etwa auf Straßen in der Nacht. Wenn ich sehe, dass viele Frauen draußen unterwegs sind, bekomme ich mehr Selbstvertrauen, es ihnen gleich zu tun.“

Mit ihrer Organisation und dem Kampf gegen Online-Gewalt will sie nicht nur in Indien, sondern weltweit etwas bewegen: „Es gibt nur eine Möglichkeit, die Dinge zu ändern. Wir müssen Frauen endlich als gleichwertige und gleichberechtigte Menschen betrachten.“

In der Umfrage geben darüber hinaus 28% derer, die Online-Belästigungen erfahren haben, an, sich daraufhin online zurückhaltender verhalten zu haben. Feminism in India möchte die Leute jedoch ermutigen, weiterhin aktiv online zu bleiben. Gleichzeitig geht es aber auch darum, jeden Menschen in seinen selbstgewählten Handlungen und Reaktionen zu stärken, egal wie diese ausfallen.

Japleen betont: „Es ergibt keinen Sinn, von den Frauen zu verlangen, die ganze Zeit über tapfer und stark sein müssen und ihre Schwächen und Ängste nicht zu zeigen.“

Die Gruppe verlangt von sozialen Netzwerken bessere Möglichkeiten, Belästigungen zu melden und diese zu sammeln und auszuwerten. Und zwar von Menschen, die vor Ort leben und die jeweilige Sprache und kulturellen Kontexte verstehen.

Außerdem nimmt sie die Gesetzgeber und Polizei in die Pflicht, die Gesetze rund um Online-Belästigungen zu verinnerlichen und für eine Umgebung zu sorgen, in der sich jeder Mensch wohl damit fühlt, solche Verbrechen auch zu melden.

Auf der ganzen Welt gibt es Gruppen, die die Probleme der Online-Belästigungen von Frauen angehen wollen, mit dabei sind auch zahlreiche Politiker_innen und Verlage.

In Großbritannien etwa hat der Guardian eine Kampagne namens The Web We Want ins Leben gerufen. Hier werden die Probleme rund um Online-Misshandlungen diskutiert und auch ein Blick auf unbeachtete Bereiche geworfen – etwa Kommentare unter Artikeln. In einer Untersuchung fand der Guardian so heraus, dass weibliche Autorinnen häufiger in den Kommentaren unter ihren Artikeln beleidigt oder sexuell belästigt wurden als ihre männlichen Kollegen. Ein wichtiger Teil der Lösung dieser Probleme ist die Bereitschaft der Öffentlichkeit, aktiv zu werden.

In Deutschland ist unter anderem der Bundesverband Frauen gegen Gewalt e.V. seit 2017 aktiv gegen digitale Gewalt. In dem zweijährigen Projekt will der Verband sich nicht nur gegen digitale Gewalt einsetzen, sondern auch die Öffentlichkeit informieren, die Vernetzung der Opfer digitaler Gewalt ermöglichen und diese unterstützen. Passend dazu findet sich auf der Homepage des Verbandes auch eine Übersicht aktueller Studien und Veröffentlichungen zu dem Thema, etwa pdf-Dateien mit einer Expertise des Verbandes oder einer deutschen Zusammenfassung der Amnesty International Studie zum Thema digitale Gewalt gegen Frauen.

Twitter hat vor kurzem eine neue Funktion aktiviert, die es Nutzer_innen erlaubt, mehr Kontrolle über die Kommentare unter ihren Tweets zu haben. Man kann nun Nutzer_innen auf Stumm stellen, die einem nicht folgen oder einen sehr neuen Account haben. Das ist zwar ein Schritt in die richtige Richtung, aber Online-Belästigungen werden weiterhin existieren und meist folgenlos bleiben.

Kamerun vernetzen

Online zu sein ist für die meisten von uns eine Selbstverständlichkeit. Sich das Internet auch leisten zu können, ist in vielen Teilen der Welt hingegen eher die Ausnahme. Diese Ungerechtigkeit versucht eine Gruppe aktiv zu bekämpfen.

Internet Sans Frontières (Internet ohne Grenzen), arbeitet daran, sämtliche Hindernisse zu beseitigen, die einem freien, allen zugänglichen, kostenlosen Internet im Weg stehen.

Die Exekutivdirektorin der Gruppe, Julie Osowo, sagt, dass es vor allem auf der südlichen Erdhalbkugel sehr teuer sei, online zu gehen. Ganz besonders treffe dies auf viele Länder Afrikas zu. Das Problem sei für Frauen noch größer: „Es ist quasi eine Fortsetzung der Ungleichheit und Ungerechtigkeit, die es in der realen Welt schon gibt. Da Frauen eher von Armut gefährdet sind, haben sie häufiger kein Geld zur Verfügung, um sich einen Internetzugang leisten zu können.“

Eines der Länder, in denen dieses Problem besonders ausgeprägt ist, ist Kamerun. Da man bisher aber nicht viel von dieser Problematik wusste, stand deren Bekämpfung nicht weit oben in der Prioritätenliste. Die Gruppe arbeitet nun mit der Initiative Women’s Rights Online daran, Frauen im Web zu stärken und gegen Missstände anzugehen.

So wurden zwei Haupthindernisse identifiziert, die Frauen in Kamerun daran hindern, sich online zu vernetzen: ihnen mangelt es an digitaler Bildung und die Zugänge zum Internet sind zu teuer. Die digitale Bildung soll mit Hilfe von Trainings und Workshops verbessert werden, während das Problem der hohen Preise auf Seiten der Internet-Provider gelöst werden muss.

Die Direktorin von Internet Sans Frontières sagt: „Ein Weg ist es, die digitalen Ungleichheiten mittels erfasster Daten sichtbar zu machen, denn es ist immer einfacher, Lösungen zu finden, wenn man beweist, dass das Problem existiert.“

Die Gruppe hat solche Daten vor kurzem durch eine Karte sichtbar gemacht, die Kamerun eine Punktzahl von 20% gibt – in Bezug auf die weltweiten Online-Rechte von Frauen. Geht es um Online-Sicherheit, relevante Inhalte, digitale Fähigkeiten und Bildung, sind die Punktzahlen noch geringer.

Genau wie in allen anderen Ländern gibt es auch in Kamerun zahlreiche Fälle von Online-Belästigungen. Eine von fünf Kamerunerinnen wurde bereits online belästigt. Um der Gender-basierten Online-Gewalt ein Ende zu setzen, muss nach Meinung der Gruppe die Regierung passende Gesetze auf den Weg bringen, die mit der richtigen Balance solche Gewalt bestrafen.

Außerdem empfiehlt Internet Sans Frontières einen starken Fokus auf digitaler Bildung in Schulen und Gemeinschaften gleichermaßen, sowie einen besseren und günstigeren Zugang zum Internet.

Eigentlich kann die digitale Welt den Frauen neue Gelegenheiten ermöglichen. Viele von ihnen sind in kleinen Geschäften oder Unternehmen tätig. Würden diese online gehen, könnten Arbeitsrechte verstärkt und die Wirtschaft von Kamerun verbessert werden.

Nun, da die Daten frei zugänglich und sichtbar sind, will Internet Sans Frontières die Regierung Kameruns dazu bewegen, aktiv zu werden.

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