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Recht auf Freizügigkeit für Menschen, Tiere und Vögel

Reisen war einst ein wundervolles Konzept – es bot die Gelegenheit, verschiedene Orte und Menschen zu besuchen und Kulturen kennenzulernen, die uns etwas über uns selbst verrieten. In den letzten Jahren jedoch wurde das Recht auf Freizügigkeit zunehmend von Politikern dämonisiert, zu einem Privileg für einige wenige Menschen gemacht und ist längst nicht mehr ein Recht für alle. In einer Welt, die immer mehr eingezäunt und zugemauert wird, könnte der Ausdruck „frei wie ein Vogel“ bald nur noch ein Mythos sein.

Präsident Trumps neuerlicher kontroverser Einreisebann, sowie seine Pläne, eine unüberwindbare Mauer an der Grenze zu Mexiko zu bauen, lassen ihn zum vordersten Beispiel unter vielen für eine neue Immigrationspolitik werden, denn er ist bei weitem nicht der einzige, der die Rhetorik von Hass und Angst salonfähig macht und massenwirksam nutzt.

Im Juli 2015 bezeichnete der ehemalige Premierminister Großbritanniens, David Cameron, Migranten, die versuchten, über Calais nach England zu gelangen, als „einen Schwarm Menschen“ und erntete dafür lautstarke Kritik. Unmittelbar zuvor veranstaltete die EU eine Notfallzusammenkunft zum Thema illegale Migration und beschloss einen Zehn-Punkte-Plan, welcher den Einsatz von Militär erlaubt, um Boote voll Migranten zu „kapern und zu zerstören“. Daraufhin errichteten osteuropäische Staaten, darunter Ungarn, Stacheldrahtzäune an den Grenzen und Deutschland, Österreich, Schweden, Frankreich und Dänemark führten längst vergessene Grenzkontrollen wieder ein.

Ganz bewusst entschieden sich also die Länder des Schengener Abkommens dafür, Grenzkontrollen im Jahr 2015 wieder einzuführen, obwohl dies dem Schengener Abkommen in seinen Grundsätzen widerspricht. Eine absolute Unterwanderung dessen, was Europas Traum von Freizügigkeit in die Tat umsetzte. Besucher des verschlafenen Städtchens Schengen, das an der Grenze zwischen Frankreich und Deutschland liegt, finden hier noch immer Erinnerungen an das 1985 unterzeichnete Abkommen, darunter das Wort „Frieden“ in Devanagari-Schrift. Inzwischen ist dies nichts weiter als ein trauriges Erinnerungsstück an 20 Jahre Freizügigkeit in Europa.

All diese Repressionen wurden unter dem Deckmantel der Souveränität und Sicherheit durchgeführt. Dieser Rhetorik bedient sich nun auch Donald Trump, der eine überarbeitete Verfügung seines Einreisebanns auf den Weg bringen will, um Immigration einzudämmen und um „die US-Amerikaner zu schützen“.

Dieser angebliche Schutz – der Schutz einer Nation vor einer anderen, der Schutz eines Menschen vor anderen – erzeugt Angst vor dem „Anderen“. Politiker lassen uns in dem Glauben, dass man sich nur einzuschließen braucht, um gefährliche, illegale Menschen auszusperren. Damit erschaffen wir unser eigenes Gefängnis.

Didier Bigo, Direktor des Forschungszentrums für Konflikte, Freiheit und Sicherheit, sowie Emmanuel-Pierre Guittet, Professor für internationale Beziehungen, erklären: „Alle, die sich zwischen den Staaten bewegen, werden nun mit einer Schuld behaftet. Einer Schuld, sich zu viel zu bewegen und  unkontrollierbare Ströme von Menschen zu erschaffen. Besonders dann, wenn es sich bei ihrer Bewegung um Flucht handelt oder sie daran gehindert werden, zu fliegen, und stattdessen über den See- oder Landweg kommen müssen.“

„Das Gesicht des Feindes und des Terroristen hat sich geändert. Wir sehen jetzt eine versteckte Gefahr in jedem Flüchtling und Migranten, welche wiederum selbst unter rigoroser Überwachung und Kontrolle stehen. Das führt dazu, dass wir beginnen, auch hinter jedem Reisenden und Touristen diese Gefahren zu sehen. Doch auch wir selber sind Reisende, unter uns Paare, die die Liebe an einem anderen Ort gefunden oder Menschen, die ihre Partner und Familien mitgebracht haben.“

Die Folgen für unsere Ökosysteme

Menschen sind bei weitem nicht die einzigen Opfer dieser Trennungen und Grenzen. Tiere, die ihren eigenen, sich stets wandelnden Migrationsrouten folgen, werden durch unsere Mauern und Zäune, mit denen wir den Planeten zerfurchen, ebenfalls in ihrem Leben behindert und bedroht.

In den 1880er Jahren starben Zehntausende Antilopen in Kalifornien, da sie neu errichtete Eisenbahnlinien nicht überqueren konnten. In den 1950ern errichtete man in Südost-Australien einen 4.800 Kilometer langen „Dingo-Zaun“, um grasende Schafe vor Attacken zu schützen. Dadurch explodierte die Kängurupopulation, die einen natürlichen Feind verlor. Die Tiere konkurrierten mit den Schafen um Nahrung und erzeugten letztendlich ein noch größeres Problem für die Bauern.

Die jährliche Wanderung von Lachsen und Stahlkopfforellen den Columbia River hinauf unternahmen vor Beginn des 19. Jahrhunderts bis zu 16 Millionen Fische. Doch seitdem führte der Bau von 130 Dämmen dazu, dass die Anzahl auf 1,5 Millionen sank. Von diesen Fischen stammt nur ein Viertel aus der Wildnis, der Rest ist gezüchtet.

Trumps Plan, eine Mauer zur Grenze zu Mexiko zu bauen, ist nur ein Beispiel für die dramatischen Folgen, die unsere Trennung von Nationen auf die Natur haben. Der Umweltschutz-Wissenschaftler Sergio Avila-Villegas erklärte in einem Interview mit der BBC 2016: „Die Infrastruktur an Grenzen behindert nicht nur die natürlichen Reiserouten wilder Tiere, […] sie zerstört auch Lebensräume, zerteilt diese und damit auch die Verbindungen und Wege, die Tiere nutzen, um von einem Ort an einen anderen zu gelangen.“

Dr. Clint Epps, Biologe und Naturforscher an der Oregon State University in den USA, äußerte seine Befürchtungen zu den Plänen von Ex-Präsident Bush, der ebenfalls Grenzbarrieren errichten wollte, bereits 2009: „Diese Barriere führt dazu, dass kleine Tierpopulationen in noch kleinere geteilt werden, was eine geringere Interaktion der Tiere verursacht. Solch eine massive Barriere könnte negative Folgen für zahlreiche Spezies haben und ultimativ ihr Fortbestehen gefährden.“ Jahre später muss er nun erneut seine Befürchtungen äußern und sich dabei Beispielen wie dem des Wüsten-Dickhornschafes bedienen, welches „auf Migration angewiesen ist, um genetische Diversität zu bewahren und neue Lebensräume zu gewinnen, da es von anderen Orten verdrängt wurde.“

Juanita Molina, Generaldirektorindes Border Action Networks, ergänzt: „Verfügt man über solch prachtvolle Wildnis wie wir hier in Arizona, ist der Gedanke an diese riesige Mauer, die die Wanderung der Tiere verhindern wird und eine Narbe auf der Erde hinterlässt, mehr als traurig. Vor allem, wenn man bedenkt, wie wirkungslos diese Mauer sein wird. Die Realität ist, dass Gemeinschaften an Grenzen von Natur aus durchlässig sind.“

Die Folgen für unsere Geschäfte

Die Einschränkung globaler Reisen wird auch die Wirtschaft beeinflussen. Simon Constantine, leitender Einkäufer von Lush, hat bereits selber erfahren, wie negativ sich massive Grenzkontrollen auf unsere Geschäfte auswirken: „Wir als Einkaufsteam sind hochgradig darauf angewiesen, frei reisen und uns frei bewegen zu können. Wenn wir nicht überall hin können, verlieren wir die Übersicht und das Verständnis unserer Lieferkette.“

„Uns wurde relativ schnell bewusst, wie einfach es für uns ist, in ein Land einzureisen und dort die Möglichkeit zu haben, großartige Projekte kennen zu lernen und die Leute dabei zu beobachten, wie sie wundervolle Zutaten anbauen, welche wir dann nach Großbritannien, in die USA oder nach Kanada exportieren können. Wenn es dann aber darum geht, die Leute, die hinter den Zutaten stehen, ebenfalls in die Länder zu bringen, stehen wir oftmals vor großen Problemen. Häufig wird ihnen die Einreise komplett verwehrt. So war es schon immer, und von unserer Seite aus ist das ein eindeutiger Beleg für institutionellen Rassismus.“

„Viele Menschen, die zu uns kommen, haben besondere Fähigkeiten, die sie mit uns teilen können. Oder sie haben in ihrer Heimat eine Arbeit, der sie bis vor kurzem noch nachgehen konnten, aber das interessiert alle einen Sch… Es läuft nach dem Motto ‘Ich will deinen Kakao, aber dich will ich nicht. Ich will deine Ressourcen, ich will, dass du all die Arbeit für mich erledigst, aber ich werde dich nicht in mein Land lassen und ich verwehre dir somit dein Recht auf Freizügigkeit.‘“

Jo Bridger, Koordinatorin des Sustainable Lush Fund (SLush Fund), kann ebenfalls von einigen Problemen erzählen, die auftraten, als sie globale Inhaltsstoff-Lieferanten nach England einladen wollte: „Die Grenzrichtlinien Großbritanniens, welche das Betreten des Landes erschweren oder ganz verhindern, führten dazu, dass uns Freunde und Geschäftspartner von Lush aus Ghana, der Demokratischen Republik Kongo oder aus dem Iran nicht besuchen konnten, da sie keine Visa erhielten.“

„Wir mussten Wege finden, um das zu umgehen – doch diese Wege beruhen auf den Reiseprivilegien, die wir Europäer haben. Wir können ohne Probleme in Länder reisen, die wir einst kolonialisierten, und das zu relativ geringen Kosten. Unsere Visa können wir auf Englisch beantragen, ohne einige „Nachweise“ erbringen zu müssen, wie es umgekehrt bei unseren Gästen der Fall ist.“

„Zur gleichen Zeit führt die Außenpolitik Großbritanniens dazu, dass es für uns „gefährlich“ sein kann, in einige Länder zu reisen, wodurch Lush diese Reisen vorsichtig und genauestens Planen muss. Das hat zur Folge, dass wir teilweise gar nicht erst in Länder reisen, in denen unsere Inhaltsstoffe produziert werden. Das ist etwa bei Weihrauch aus Somalia der Fall. Um frisches Bio-Obst und Bio-Gemüse, erlesenste ätherische Öle und sichere synthetische Inhaltsstoffe kaufen zu können, benötigen wir ein enges, freundschaftliches Vertrauensverhältnis zu unseren Lieferanten. Der Schlüssel dazu sind persönliche Meetings und ein Verständnis über den Anbau der Produkte und für die Charakteristika eines jeden Landes.“

Dieses einschränkende, auf Privilegien basierende System, hat seine Ursprünge im Jahrhunderte alten Kolonialismus und in Gier. Die Kolonialmächte Europas teilten Menschen, Nationen und Kontinente unter sich für Jahrzehnte auf, als seien es Dinge. Dazu zählten der mittlere Osten, Afrika und ganz Amerika. Die berüchtigte Aussage des belgischen Königs Leopold – „Ich will die Gelegenheit nicht verpassen, uns ein Stück dieses saftigen Kuchens namens Afrika zu sichern“ – die aus den 1870ern und der Eroberung des Kongo stammt, hat bis in die Gegenwart Bedeutung. Von den gewaltreichen Teilungen des ehemaligen Ottomanischen Reiches im Jahr 1918, über die Unterteilung Deutschlands nach beiden Weltkriegen bis zur Annexion der Krim durch Russland im Jahr 2014 gibt es zahlreiche Beispiele. Hinter der vermeintlich weltoffenen Fassade haben sich die politischen Einstellungen gegenüber Landbesitz, Eigentum, Kontrolle und Verteilung nur unwesentlich geändert. Gleiches gilt für unsere mangelnde Empathie gegenüber vertriebener Menschen und Tiere.

Ode an die Vielfalt

Doch es gibt auch Unternehmen, die weise genug sind, für Vielfalt einzustehen. Für Lush Mitbegründer Mark Constantine gibt es keinen Grund, sich zweimal zu überlegen, ob man Migrationsrouten für Menschen und Tiere gleichermaßen offen halten und bewahren sollte: „Früher reisten Mo [Constantine] und ich gerne in die großartigen Wälder Polens, um Vögel zu beobachten. All die majestätischen Adler und zahlreiche andere Vögel flogen ungehindert an uns vorbei. Vögel kennen keine Grenzen. Sie fliegen hin, wo immer sie wollen. Ein großes Problem für sie ist es jedoch, wenn wir sie abschießen oder ihnen die Nahrung nehmen. Sie lieben es jedoch, wenn wir eine Oase grüner Natur für sie erschaffen.“

Auch Simon sieht eine Parallele zwischen der Migration von Menschen und Tieren: „Grenzen sind eine Methode, um Länder zu teilen, sich die Ressourcen unter den Nagel zu reißen und dann das davon zu behalten, was man für sich selber will. Migration ist ein natürliches Phänomen, welches man nicht komplett kontrollieren kann. Das lässt mich für die Zukunft hoffen. Migration ist ein von der Natur geschaffenes System, um Vielfalt, Fruchtbarkeit, Anpassungsfähigkeit und Widerstandsfähigkeit zu bewahren und zu vergrößern.“

„Wenn man Zäune errichtet und damit beginnt, Ökosysteme zu zerteilen, sind diesebei weitem nicht so vielfältig und weitreichend, wie sie sein sollten und verschiedene Arten bekommen ernste Probleme. Die Frage, die wir uns stellen, ist, wie es uns gelingen kann, einige der Probleme, die wir mit dem Verständnis der Natur und der Verbindung mit der Natur haben, zu Lösungen zu machen. Beim Einkauf suchen wir diese Lösungen durch unseren SLush Fund oder regeneratives Einkaufen, die Thematiken wie beispielweise Vogelmigration und Flüchtlingsmigration mit einbinden.“

Mit zukünftigen SLush Fund Projekten werden wir versuchen, betroffene Gegenden zu regenerieren. Dazu zählen zum Beispiel der Wiederanbau von Kork innerhalb der Eukalyptus-Monokulturen in Portugal sowie der Kauf von Salz aus Salzpfannen, die Schutz für Zugvögel bieten.

Die Lush Mitbegründer rund um Mark Constantine sind so fest von den negativen Folgen der Einschränkung der Freizügigkeit überzeugt, dass sie der We Believe Philosophie – einer transparenten Unternehmenspolitik, die für jeden Kunden einsehbar ist – folgenden Satz hinzufügten: „Wir glauben daran, dass alle Menschen die Freiheit haben sollten, sich auf der ganzen Welt uneingeschränkt zu bewegen.“

Dabei handelt es sich um ein eindeutiges Statement für die Rechte von Menschen und Tieren. Jo Bridger sagt dazu: „Das Recht auf Freizügigkeit auf der ganzen Welt ist nicht nur lebenswichtig für einen – sozial und ökologisch gesehen – nachhaltigen und regenerativen Handel, sondern reflektiert auch unsere Überzeugung vom Wert jedes einzelnen Menschen und dass alle die gleichen Rechte genießen sollten, wie wir selbst.“

Die Geschichte lehrt uns, was für furchtbare Konsequenzen das aktuell wieder feindselige und nach Trennung und Abgrenzung strebende politische Klima mit sich bringt, welches auf der ganzen Welt aufflammt. Konsequenzen für schwindende Tierpopulationen und für uns selbst. Sich dem Wunsch nach physischen Grenzen entgegenzusetzen kann nur der erste Schritt sein, sich gegen den Versuch zur Wehr zu setzen, uns geographisch und rassistisch teilen zu wollen.

 

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