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Soapbox: Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt

Mahi Klosterhalfen, Vorstand der Albert Schweitzer Stiftung, im Gespräch über seinen persönlichen Werdegang und den Kampf gegen die Ausbeutung von Tieren.

Freie Rede ist ein schützenswertes Gut. Wir überlassen unsere Soapbox Menschen, die über ihre Sicht der Dinge berichten wollen.

»Ethisch ist der Mensch nur, wenn ihm das Leben als solches, das der Pflanze und des Tieres wie das des Menschen, heilig ist und er sich dem Leben, das in Not ist, helfend hingibt.« Albert Schweitzer

 

Es gibt inzwischen ja zahlreiche verschiedene Tierschutz und -rechts Organisationen. Was zeichnet die Arbeit der Albert Schweitzer Stiftung denn im Vergleich konkret aus?

Mahi: Zum einen zeichnet uns unser klarer Fokus auf die Massentierhaltung als das Gebiet aus, in dem der Mensch den Tieren das meiste Leid zufügt. Zum anderen ist es unsere Suche nach den wirksamsten Hebeln: Wir wollen mit unserer Arbeit die größtmöglichen Verbesserungen für die Tiere umsetzen. Dazu suchen und finden wir immer wieder effektive Wege.

 

Du bist ja schon seit vielen Jahren aktiv, was war der Auslöser für dich, um dich in dem Bereich zu engagieren?

Mahi: Bis zum Alter von 25 Jahren war ich der klassische Fleischesser: Massentierhaltung und Tiertransporte fand ich schrecklich, aber letztendlich habe ich sie durch mein Konsumverhalten finanziert. Dann las ich die Autobiographie von Gandhi und eine Stelle ließ mich nicht mehr los: Gandhi war schwer krank und seine Ärzte sagten ihm, dass er Hühnersuppe essen müsse, um wieder gesund zu werden. Ansonsten würde er sterben. Gandhi antwortete, dass er lieber sterben würde als für den Tod eines Huhns verantwortlich zu sein. Das gab mir sehr zu denken: Bei mir ging es nicht um Leben oder Tod, sondern einfach nur um Bequemlichkeit. Von Gandhi inspiriert beschloss ich, die vegetarische Ernährung auszuprobieren. Zwei Monate später erfuhr ich, dass männliche Küken in der Eierindustrie getötet werden und Kühen in der Milchindustrie ihre Kälber weggenommen werden. Da wurde ich zum Veganer und nach einiger Zeit des Boykotts der Tierindustrie wollte ich noch mehr tun.

 

Was ist die übergeordnete Vision die ihr anstrebt?

Mahi: Zum einen die Abschaffung der Massentierhaltung. Die will ich noch erleben. Zum anderen - noch langfristiger gedacht - wollen wir, dass Tiere nicht mehr für Menschen leiden und sterben müssen.

 

Es hat sich ja einiges getan in den letzten Jahren - Welche Entwicklungen in den letzten Jahren haben dich am meisten verblüfft?

Mahi: Die Entwicklung des veganen Angebots. Als ich 2005 angefangen habe, vegan zu leben, musste ich mir meine Sojamilch im Reformhaus kaufen und Vitamin B12 gab es nur in der Apotheke. Zudem musste ich jeden Tag mindestens einem Menschen erklären, was "vegan" bedeutet und warum ich so lebe. Dass es keine 15 Jahre später ein so breites - und inzwischen zum Teil auch sehr gutes - veganes Angebot geben würde, hätte ich nicht für möglich gehalten. Und ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wann ich zuletzt jemandem erklären musste, was "vegan" heißt - ist auf jeden Fall eine ganze Weile her.

 

Das stimmt, das sehen wir auch deutlich an der Nachfrage an veganen Produkten. Welche Maßnahmen braucht es denn aus deiner Sicht, um die “die Ehrfurchtsmaxime umzusetzen und eine Arbeitswelt voll von gegenseitigem Respekt, Toleranz und Wertschätzung zu leben und zu fördern.”? Wie sieht das in der Praxis aus?

Mahi: Die Ehrfurchtsmaxime bezieht sich auf Albert Schweitzers Ehrfurcht vor dem Leben. Bis heute wissen viele Menschen nicht, welch eine zentrale Rolle die Tiere in der Ethik Albert Schweitzers gespielt haben und dass der späte Albert Schweitzer Vegetarier war. Einige vegan lebende Menschen beschweren sich, dass er nicht Veganer war, aber wir reden hier von einem Mann, der 1965 gestorben ist. Wenn wir uns daran erinnern, dass "vegan" noch im Jahr 2005 quasi ein Fremdwort war, dann sollten wir aufpassen, dass wir die Menschen von damals nicht zu sehr durch die Brille von heute beurteilen. Sonst müssen wir uns nicht wundern, wann man uns in 100 Jahren abschätzig als Barbaren bezeichnet, weil wir Erdöl verbrannt haben oder was weiß ich.

Aber zurück zur eigentlichen Frage: Früher habe ich gehofft, dass man die Menschen von einem ethischeren Umgang mit ihrer Mitwelt überzeugen kann. Das sehe ich heute pessimistischer - oder sagen wir zumindest anders. Mein Eindruck ist, dass es zuerst ethische Alternativen geben muss, die in praktisch jeder Hinsicht den problematischen Wegen überlegen sind. Pflanzliche Alternativen zu Tierprodukten sind zwar gesünder, umweltfreundlicher und besser für die Tiere, aber sie kommen geschmacklich erst jetzt langsam gegen Tierprodukte an. Und sie sind leider fast immer deutlich teurer als Tierprodukte. Wenn der Geschmack noch besser wird und die Preise deutlich nach unten gehen, dann sehe ich die Chance, dass sich irgendwann eine Mehrheit der Menschen weitgehend pflanzlich ernährt. Dann werden sich diese Menschen auch die ethischen Prinzipien hinter der veganen Lebensweise zu eigen machen, denn wenn unser Handeln ohnehin schon Idealen entspricht, dann machen wir uns die Ideale auch lieber zu eigen als wenn Handeln und Ideale nicht zueinander passen.

 

Eure Arbeit baut ja auf vier Säulen auf (Recht, Unternehmen, Verbraucherinnen Multiplikatorinnen) Wo siehst du das größte Potenzial für langfristige Veränderung?

Mahi: Im Grunde muss das alles Hand in Hand gehen, wobei wir immer die Säulen am stärksten bearbeiten, in denen wir mittelfristig das größte Potenzial sehen. Derzeit sind das Unternehmen und Recht. Unternehmen stehen unter der öffentlichen Beobachtung und wissen, dass sie sich in Tierschutzfragen bewegen müssen sowie beim veganen Angebot den Zug nicht verpassen dürfen. Damit kann man hervorragend arbeiten. Zudem gibt es im juristischen Bereich seit einigen Jahren Möglichkeiten, nach denen sich unser verstorbener Gründer, Rechtsanwalt Wolfgang Schindler, lange gesehnt hatte: Tierschutzorganisationen haben inzwischen in einigen Bundesländern das Recht, im Interesse der Tiere Klagen einzureichen. Da die Massentierhaltung in weiten Teilen ein System aus Rechtsbrüchen ist, werden wir uns dort die nächsten Jahre sehr gut und erfolgreich abarbeiten können. Danach kommt vielleicht eine Zeit, in der MultiplikatorInnen - dazu zählen wir auch PolitikerInnen - und VerbraucherInnen die nächsten großen Schritte machen müssen.

 

Dir wurde ja in diesem Jahr (2019) der Peter-Singer-Preis verliehen. Was bedeutet für dich die Ehrung mit dem Peter Singer Preis?

Mahi: Ich freue mich sehr darüber. Witzigerweise habe ich nur in meinen ersten Jahren als aktiver Tierschützer gedacht, dass meine Arbeit preiswürdig ist. Damals habe ich die Albert Schweitzer Stiftung ohne Gehalt, fast ohne Geld auf dem Stiftungskonto und mit 80-Stunden-Wochen aufgebaut. Parallel dazu habe ich die meisten deutschen Supermarktketten überzeugt, keine Käfigeier mehr zu verkaufen. Damals habe ich mich manchmal als so eine Art einsamer, ungesehener Held gefühlt. Inzwischen fühle ich mich viel weniger als Held: Hinter mir steht ein Team von rund 40 Personen, das viele Dinge viel besser kann als ich und auch ein Vielfaches von dem leistet, was ich leiste. Da passt es gar nicht mehr so richtig, dass ich als Einzelperson einen Preis erhalte. Aber trotzdem ist die Freude groß und ich denke auch, dass man den Preis nicht ganz so sehr auf mich allein beziehen muss.

 

Aus deiner Sicht: Glaubst du, dass sich die Problematik weltweit eher verschärft hat oder ist durch das gestiegene Bewusstsein insgesamt weniger Tierleid in der Welt?

Mahi: Eine spannende und schwierige Frage: Mit immer mehr Menschen auf der Welt, die immer mehr Tierprodukte essen wollen, wird das gesamte Tierleid in der Welt in den nächsten Jahren vermutlich noch ansteigen. Das bedeutet aber nicht, dass unsere Arbeit vergebens wäre: Jedes Tier, dem wir helfen können, zählt. Zudem kann und muss die Entwicklung früher oder später kippen: Wir haben auf der Welt schlichtweg nicht die Ressourcen, um einen dauerhaft steigenden Tierprodukte Konsum zu ermöglichen. Hinzu kommen die besser und günstiger werdenden pflanzlichen Alternativen. Hinzu kommt noch die Tierschutzarbeit von uns und anderen, die Leiden reduziert und die Preise für Tierprodukte erhöht. Daher: Auch wenn uns noch mehrere dunkle Jahre bevorstehen: Ich sehe Licht am Ende des Tunnels.

 

Zu guter Letzt: Was wäre dein Wunsch für die Welt, wie sähe deine ideale Welt aus?

Mahi: Es könnte alles so einfach sein: Wir lassen die Tiere in Ruhe und schützen sie. Auch mit unserer restlichen Mitwelt und mit uns selbst gehen wir sorgsam um. Wir maximieren nicht mehr Bruttoinlandsprodukte, sondern Zufriedenheit oder Glück. Für letzteres brauchen wir weder drei Urlaubsflüge im Jahr noch Massen an Fleisch.

Tierschutzaktion der Albert Schweizer Stiftung
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